Vollschlank? Häh?

Dezember 21st 2016

Ihr Lieben, bevor ich richtig ins Thema einsteige, muss ich erstmal ein wenig ausholen. Vor drei Wochen etwa durfte ich von der Arbeit aus an einer dreiwöchigen Schulung für Journalisten in der Ausbildung teilnehmen. Noch heute bin ich wahnsinnig dankbar dafür, was für tolle Menschen ich kennenlernen durfte – egal ob Volontäre anderer Medienhäuser oder Referenten vom Spiegel, WDR oder der WELT.

„Du brauchst keine Hemmungen haben bei deinen Fragen“

An einen Tag denke ich auch heute immer noch gerne zurück: an das Praxistraining Interview mit einem Journalisten vom WDR und der WELT. Nachdem wir die Theorie besprochen hatten, mussten wir natürlich auch selber ran. Um die Ergebnisse später besser bewerten zu können, sind wir währenddessen gefilmt worden. Ich war mit Sandra in einer Gruppe, die ich über ihre Karriere als Zumba-Trainerin interviewen sollte. Anschließend durfte sie mich alles über meinen Blog fragen. „Du brauchst keine Hemmungen haben bei deinen Fragen“, sagte ich ihr direkt zu Beginn. Im Nachhinein denke ich mir auch, wie blöd diese Aussage von mir eigentlich war. Ich habe schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass Leute vorsichtig mir gegenüber wurden, wenn es im Gespräch um das Thema Gewicht ging. Und immer wieder waren sie erstaunt über meine Reaktion, lockere Reaktion. Als wenn ich in diesem Moment eigentlich nicht locker reagieren dürfte. Was zeigt mir das? Dass es da draußen offensichtlich Menschen geben muss, die ungern über dieses Thema sprechen bzw. das anderen vermitteln. Das Thema „Dick sein“ scheint in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabu-Thema zu sein. Warum denn bloß? Ich finde keine Erklärung. Dieses ominöse Adjektiv.

Vollschlank? Häh?

Und los ging das Interview. Sandra quetschte mich darüber aus, wie ich zu meinem Blognamen kam, was ich anderen Frauen vermitteln möchte und und und. Irgendwann fragte sie mich, wie ich zur Farbe schwarz stehe – eine Farbe wie jede andere auch. Ich trage kein Schwarz, um meine Kilos dahinter zu verhüllen. Blödsinn. Wenn ich schwarz trage, dann trage ich das, weil sie mir gefällt. Dass ich dick bin, sieht man auch in einem schwarzen Shirt. Als sie mich dann fragte, ob sich vollschlanke Frauen also nicht zu verstecken brauchen, brachte sie mich komplett aus dem Konzept. Vollschlank? Häh? Wir reden doch gerade nicht über schlanke Frauen… ich stand völlig auf dem Schlauch und habe auch nicht sofort verstanden, was sie eigentlich damit sagen wollte. Sie wollte nicht von sich aus das Wort „dick“ in den Mund nehmen. Als das Interview beendet und die Kamera ausgeschaltet war, sagte sie mir sofort, dass sie den Begriff vorher extra gegoogelt habe. Dabei hatte ich ihr vorher sogar extra gesagt, dass sie mich alles fragen kann und keine Hemmungen haben soll ;) Und dann macht sie sich sogar die Mühe, einen passenden Begriff im Internet herauszusuchen… So verwundert ich darüber auch war, lachen musste ich trotzdem. Und genau in dem Moment ist mir klar geworden, was für ein großartiger Mensch sie ist. Und eine tolle Journalistin, die mich sehr beeindruckt hat (Ende des Jahres besucht sie mich, ich freue mich so!). Sie wollte mir in dieser Situation auf keinen Fall zu Nahe treten und mir vor allem nicht zumuten, mich möglicherweise schlecht zu fühlen. Grundsätzlich sollte man sich als Journalist genau so verhalten. Trotzdem frage ich mich immer und immer wieder, wieso man denkt, einen Menschen mit der Bezeichnung „dick“ zu verletzen? Über Dinge wie „Fette Sau“ und Co. brauchen wir an dieser Stelle natürlich nicht zu reden.

Ich bin dick, aber deswegen doch nicht anders als andere Menschen.

Nicht nur Sandra war offensichtlich erstaunt über meine Antworten, sondern auch unser Referent – den man übrigens auch als dick bezeichnen darf ;). Als er die Kamera ausgeschaltet hatte, schaute er mich mit strahlenden Augen an und meinte schließlich, dass er mir noch stundenlang hätte zuhören können. Er war begeistert davon, wie locker ich mit diesem Thema umgehe. Dass es für mich völlig normal ist, mich selbst als dick zu bezeichnen und dass mir Begriffe wie vollschlank oder mollig vollkommen fremd sind. Dass er mir zusätzlich Komplimente über meine Art und Weise Interviews zu führen machte, rückte dabei für mich völlig in den Hintergrund. Über meine Antworten erzählte er anschließend sogar der anderen Interview-Gruppe. Unglaublich, dass dieser Mensch, der beruflich bedingt Tag für Tag mit so vielen verschiedenen Leuten zutun hat, darüber erstaunt ist. Was diese Reaktionen aussagen ist eine Sache. Was aber sagt das über uns dicke Menschen aus? Offensichtlich vermitteln wir anderen das Gefühl, dass wir unter keinen Umständen auf unser Gewicht angesprochen werden möchten. Dass wir uns schlecht fühlen, wenn uns jemand als dick bezeichnet.

Ich habe diese Interview-Situation so genossen, weil es mir so viel Spaß macht und vor allem auch gut tut, offen über dieses Thema zu reden. Ich habe da einfach keine Hemmungen und erst recht nicht dann, wenn ich spüre, wenn auch andere mit diesem Thema offen umgehen. Ich bin dick, aber deswegen doch nicht anders als andere Menschen. Mich verletzt niemand damit, wenn er mich als „dick“ bezeichnet. Es fühlt sich doch auch niemand angegriffen, wenn man ihn als „dünn“ bezeichnet, oder?

Jeans: Asos Curve*
Schuhe: Jana*
Shirt: Bon’A parte (ähnliches*)
Jacke: Vero Moda
Tasche: Mango (ähnliche*)
Kette: Luisa Lion x Stilnest